Guldárs Traum

Vor langer Zeit, als der Goldene Drache Guldár das einzige Lebewesen in Rabérions Sphären war, da gab es noch keine Träume wie wir sie heute kennen. Es gab einen einzigen Traum, und der füllte alles aus. Eines Tages begegnete Guldár dem Traum und er erkannte, dass dieser Traum lebendiges, eigenständiges Wissen war. Wissen um Rabérion, um die Vergangenheit, um die Zukunft, um alles was es in dieser Welt gibt und jemals geben wird. Guldár betrachtete den Traum im Geiste und sprach mit ihm, erfuhr alles was ein Wesen jemals wissen kann. Nur ein Lebewesen wie der Goldene Drache war in der Lage, dieses Wissen aufzunehmen – jedes andere Wesen wäre dem Wahnsinn verfallen, selbst die anderen Drachen, die später mit ihm die Welt bevölkern sollten.

 

Der Traum erzählte ihm nach Art der Träume vom wirklichen Gefüge der Welt. Die drei Sphären, aus denen Rabérion besteht, sind eng verbunden durch die Zeit. Die Sphäre Cadmolár, in der später die Sterblichen leben werden, ist die Sphäre der Gegenwart. Aragas, die “Sphäre der Götter”, wie einige der Sterblichen sie nennen werden, obwohl dort gar keine wirklichen Götter wohnen, ist die Sphäre der Vergangenheit. Das Wesen von Verstorbenen oder von Menschen, die sich verändert haben, gelangt dort hin und lebt in dieser Sphäre weiter. Nichts Bedrohliches geht von dieser Sphäre aus, denn alles was dort lebt, ist vergangen und unabänderlich. Darum glauben die Sterblichen, dass dort oben eine göttliche Macht wohnen muss.

 

Doch vor dem, was unter ihnen liegt, fürchten sie sich. Es ist das Wissen, dass sie einst sterben werden und das Unwissen, was sie in ihrem Leben noch erwartet. Diese untere Sphäre, Daydalon, die Zukunft, ist von Dämonen bewohnt. Diese Dämonen sind die Hoffnungen und Ängste der Sterblichen, in Daydalon haben sie eine Gestalt gefunden und leben dort ihr eigenes Leben. Diese “Unterwelt” verändert sich stets, sie wird durch Ereignisse in Cadmolár beeinflusst und jeder Wunsch, die Furcht eines neu geborenen Kindes, kann diese Sphäre in ihren Grundfesten erschüttern. Zugleich hängt ihre Existenz von diesen Ängsten und Hoffnungen ab, gäbe es keine Furcht mehr, würde Daydalon vergehen. Die Sterblichen müssen die Möglichkeit haben, ihre Zukunft zu verändern, sonst wäre der Sinn ihres Lebens verwirkt. Es wird eine Zeit kommen, da die Sterblichen versuchen werden, die gefährlichen Dämonen auszurotten, damit sie ein friedlicheres Leben führen können. Es wird eine dunkle Zeit werden, doch weder Du noch sonst jemand von denen, die wissend sind, dürfen dann eingreifen.

 

Dies und noch vieles mehr erfuhr der Goldene Drache während dieses stillen Gesprächs, und er erkannte, dass er niemandem jemals sein gesamtes neu erworbenes Wissen preisgeben durfte. “Du hast Dein Werk getan, Traum. Ich schließe Dein Wissen in meinen Gedanken ein und werde es nur an diejenigen weitergeben, die bereit sind, es aufzunehmen. Bis dahin wird eine lange Zeit vergehen.” Der Traum gab dem Drachen eine weitere, stille Antwort.

 

Guldár zögerte, dann hob er seine Pranke, fixierte mit seinen Augen etwas an, was niemand außer ihm hätte sehen können, und schlug mit aller Kraft zu. Der Traum zersprang in unzählige Stücke, Fragmente von Wissen um die Welt, und füllte die ganze Sphäre Cadmolár aus. Jedes Stückchen fand seinen Platz.
Viel später, als schon Sterbliche die Welt bevölkern, sind immer noch Bruchstücke des Traums in der ganzen Welt verteilt. Sie sind unsichtbar und werden oft durcheinander gewirbelt und verursachen Alpträume bei schlafenden Sterblichen, die nicht für das Wissen des jeweiligen Traums bestimmt sind. Doch dies geschieht nicht oft, denn die Traumwandler sind fleißig und leiten die Träume, damit alle wieder an ihren Platz finden.